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Bremsspur 5 "Ohne Titel, keine Auflage"

Das schönste Buch wäre dasjenige, das man nicht als Buch betrachten könnte.
(Francis Picabia)           
Seit 2002 geben Tobias Premper und Malte Nies mit "Bremsspur" eine eigene Publikationsreihe von Künstlerbüchern heraus, in denen sie mit Bild, Text und konzeptuellen Ansätzen experimentieren (www.bremsspur.net). Die Publikation "Bremsspur 4 – Unlesbar" zum Beispiel erhebt das Buch zum (unlesbaren) Objekt. Bücher anderer Autoren, willkürlich ausgewählt, werden mit einem pamphletischen Klebeband umwickelt, auf dem die Worte “unlesbar unlesbar unlesbar…” zu lesen sind. Weder Titel noch Autor sind zu identifizieren, noch ist ein einziges Wort lesbar. Das neue Buch von Premper und Nies trägt den Titel "Bremsspur 5 (Ohne Titel, keine Auflage)". Der "Leser" wird dabei mit einem Buch konfrontiert, das er nicht einfach in die Hand nehmen und durchblättern kann. Wieder also ein Konzeptbuch. Premper und Nies haben sich Anfang des Jahres in Hannover getroffen und über ihr neues Buch gesprochen.
(Tobias Premper)
Hier zu diesem Treffen mal wieder aus unterschiedlichen Städten angereist.
(Malte Nies)
Ist einfach Zeit für diese Ausgabe von Bremsspur. Spul mal das Band zurück, ob man uns gut versteht. Naja, ist ja egal. Wird ja eh schriftlich.
"Bremsspur 5 (Ohne Titel, keine Auflage)" – hört sich gut an. Es ist ja lange genug vorbereitet, oder? Ich schätze, dass wir gedanklich schon mindestens ein Jahr dran sind.
Kommt hin. Wobei man nicht vergessen darf, dass in der Zwischenzeit schon ne Menge anderer Kram passiert ist, der zu diesem Zeitpunkt nicht präsentabel ist.
Nicht präsentabler Kram, sagst du. Du meinst das andere Buchprojekt, das trotz großem Aufwand unsererseits…
...genau das. Lass uns nicht davon anfangen, O.K.?
Also, es ist schon seit langem in den Köpfen und jetzt kommt es raus. Direkt aus den Köpfen, aus den Mündern in das Aufnahmegerät. Und wenn´s gut läuft, sogar aufs Papier. Sonst bleibt es elektronisch, auf irgendeiner Festplatte, auf irgendeinem Server.
Dieses Buch, das als Buch gar nicht existiert.
Was? Nee, nee. Existiert doch.
Wie denn? Da war einmal ein Buch, das hatte keinen Titel und keine Auflage. Es hatte keine Buchstaben, Worte und Sätze. Es hatte keine Seiten, keinen Umschlag und keine Fotos. Nichts hatte es. So dass unklar ist, worum es überhaupt geht. Sprechen wir lieber nicht weiter darüber.
Das klang aber stark nach Daniil Charms. Na, egal. Schau dich doch mal an. Du existierst doch auch, obwohl du keinen Namen hast, kicher, und reproduziert gibt´s dich auch nicht.
Haha. Lass mich zuletzt lachen. Hmmm, also Existenz, oder was? Na schön, dann eben Existenz, aber mit Einschränkungen, die ja wesentliche Eigenschaften der Bremsspurausgabe sind. Das Konzept ist es, alle Eigenschaften, die ein Buch ausmachen, einfach zu streichen.
Das ist wie in dieser alten Spülmittelwerbung mit Tante Tilly. Erinnerst du dich? Sie baden gerade ihre Hände drin.
Also mir fällt da auch noch Wolfgang Koeppen ein. Und Koeppen und Tilly haben ja beide mit Dreck zu tun. Koeppen hat so weit ich weiß auch immer Bücher angekündigt, die dann gar nicht gemacht wurden. Der Unterschied ist nur, dass er immer gefragt wurde, wann denn nun endlich sein neues Buch rauskäme. Er wurde also genötigt zu lügen. Vielleicht hat es ihm irgendwann auch einfach Spaß gemacht, Titel von Büchern zu erfinden, die er sowieso nicht schreiben würde. Irgendwann wurde das dann zum Konzept. Wir hingegen werden nicht gefragt. Uns nötigt keiner direkt. Die Verweigerung und das Schuldigbleiben eines echten Buches kommen aus uns selber, oder?
Oh, warte mal. Da machst du ja gleich drei Fässer auf einmal auf. "Konzept", "Verweigerung" und "Schuld" klingen mir noch in den Ohren.
Schuldigbleiben.
Ja, dann eben schuldigbleiben.
Selber schuldigbleiben.
Selber Konzept.
Selber Verweigerung.
Sag mal: "Klettergerüst".
Selber Verweigerung.
Wann hast du das letzte mal eine nackte Frau geküsst?
Selber nackte Frau, nackte Nonne, nacktes Klettergerüst. Wenn du dich seitwärts drehst, merkt keiner, dass du da bist. So dünn bist du.
Und deine Molle ist so groß, dass kein Konzept sie je beschreiben könnte.
Fertig?
Fertig. Wir haben uns mit Konzeptkunst beschäftigt. Als Vorläufer zu dieser Ausgabe hatten wir ja auch ein anderes Projekt am Wickel. Da sind wir wieder da, wo wir gerade schon waren, nicht?
Du meinst das Buch über Buchkonzepte. Also ein Buch, in dem nur Ideen für Bücher stehen. Das hatte immer noch Inhalt, gestalteten Inhalt: Texte, Bilder. Unseren Kram halt, den man sehen und anfassen konnte.
Schade drum, finde ich.
Es ist zwar gerade nicht aktuell, aber auch nicht aus der Welt. Die Idee würde ich auf jeden Fall immer noch gerne umsetzen. Es war ja kurz vor der Realisierung.
Lass uns mal zurück zur Frage. Also: alles Konzept? Sonst gleiten wir hier in ein Gemecker über diese unsäglichen Menschen ab, die uns soviel Zeit und Mühe gekostet haben.
Sind wir darüber eigentlich hinweg?
Ich denke, da kommt man nie wirklich drüber hinweg. Man gewöhnt sich nur an das Verdrängen und es geht ja auch weiter. Es finden sich andere Lösungen, die das Projekt irgendwann durchsetzen und zum Ziel führen. Mit "Bremsspur 5 (Ohne Titel, keine Auflage)" sind wir ja gedanklich auch einen Schritt weiter.
Und das Ziel des Konzepts wäre jetzt welches?
Das Kommunizieren über Ideen; intuitives Interpretationserlebnis, ohne ästhetischen Beigeschmack zu erzeugen. Keine geschmäcklerischen, durch abbildhafte oder sprachstilistische Sperenzchen, so klar und transparent wie möglich, die reine Idee offenlegen. Entmaterialisieren.
Aber letztlich zeigt es sich ja doch irgendwie. Die Vermittlung der Idee über reproduktive Mittel wie zum Beispiel Print oder Internet. Aber die Intention ist klar. Zumindest sollte sie jedem klar sein. Keine Form, kein Material, sondern Idee und Bedeutung – wir erfinden ja nicht die Konzeptkunst, wir weiten sie mit unserem Buch nur aus, schaffen eine weitere Nische.
Viele Produkte, die einem Konzept verpflichtet sind, sehen oft auch nach Typo-Bleiwüsten aus. Da sind wir auf jeden Fall elegant drum rum geschliddert. Dieser 70er Jahre Schreibmaschinenlook. "Fürchterlich", sagen manche heute. Daran sieht man ja das Problem. Die Art der Darstellung lässt sich eben nicht völlig ausschalten. Man kann´s nur so neutral wie möglich halten. So was muss ja nicht nach "70er Jahre" aussehen. Andere verwenden zum Beispiel nur einen Bleistift zum Schreiben.
Neutralität ist ein gutes Stichwort. Es war ja Johnny Meese, der uns "absolute Neutralität" empfohlen hat. Erinnerst du dich?
Na klar. "Neutralität" hin oder her. Wichtig ist ja, was im Rezipienten passiert, wenn er etwas vermittelt bekommt. Im Grunde funktioniert das als Hypothese: Angenommen dieses und jenes sind die Grundvoraussetzungen, wie stellst du dir das jetzt vor? Was passiert in deinem Kopf, wenn ich dir dieses und jenes vorgebe?
Eine Grundfrage an die Wahrnehmung. Immer alles schön demokratisch auf den Betrachter schieben.
Ja, alles ist fiktiv. Alles ist erlaubt. Alles ist möglich. Alles ist frei. So frei wie es eben geht. Kein Material, keine Technik, keine Physik, kein Zwang logischer Gesetzm&uaml;ßigkeit.
Was bestimmte Voraussetzungen an den Betrachter stellt. Der muss ja erstmal bereit sein, sich darauf einzulassen. Da fordert man ja ein Mitwirken, sonst funktioniert das alles nicht. Ein großer Teil der Arbeit liegt ja im Denken des Betrachters. Der muss ja aktiv Entscheidungen treffen, muss ein gewisses Maß an Vorstellungskraft mitbringen und und und.
Konzeptkunst ist schon eine der extremsten Disziplinen. Manchen ist das sicherlich zu viel. Wie bereits angesprochen, ist es ja schwierig, Konzeptkunst strikt von Happening und Fluxus abzutrennen. Die Strömungen entstanden zeitgleich und standen sich sehr nahe. Prinzipiell ist das nur die alte Leier vom Kunstrezipienten und der Vermittlung von Kunst im Allgemeinen. Bringen und holen. Ducere und delectare. Das nervt.
Zum Glück sind wir keine Kunstkritiker. Mir ist es egal, ob einer unseren Kram als Beleidigung empfindet oder ernsthaft darüber nachdenkt, was das alles soll. Im Grunde ist es ja dasselbe. Esse est percipi.
Haben wir hier gleich eine Latein-Schlacht? "Sein" ist "wahrgenommen werden". Super! Das ist doch auch eine Art Verweigerung. Wir hatten das ja schon anklingen lassen. Letztlich also doch dogmatisch. Friss oder stirb. Versteh´s oder verpiss dich. Nach all dem kopflastigem Demokratiegewurstel am Ende doch nur ein "Ja" oder "Nein"? Ein "Ja" durch ein "Nein". Sinn durch Unsinn. Dada?
Fluxus und Happening sehe ich eher in diesem Zusammenhang. Dieser performative Aspekt hat etwas Spielerisches und ist entgegen dem reinen Konzept viel stärker örtlich und zeitlich gebunden. Der progressive Ansatz lag in der Infragestellung von Tabus im gesellschaftlichen Bereich. Die Ausgangspunkte "Verweigerung" und "Schuldigleiben". Also "Schuldigbleiben" ist abgehakt. Wir bleiben nichts schuldig. Wir haben unsere Arbeit getan. Eher im Gegenteil. Der Rezipient bleibt uns und der Kunst etwas schuldig. Wir schieben einfach immer alles auf den Rezipienten.
Einverstanden. Aber du weißt schon, dass der gemeine Rezipient lieber dem Berühmten glaubt als dem Außenseiter. Wenn Zizek zum Beispiel anfängt, seine Gedanken runterzuspulen, dann sitzt die Masse da und lauscht. Wenn sich einer von uns da hinstellen würde, würde erst mal von vornherein kein Arsch kommen.
Darauf können wir keine Rücksicht nehmen. Und wenn wir die nächsten hundert Jahre in leeren Hallen auftreten müssen. Aber das wollen wir ja auch gar nicht. Also was wollen wir?
Zum Beispiel die hohen Preise in Frage stellen, die für Kunst heute gezahlt werden.
Okay. Wir stellen ja auch Geschriebenes generell in Frage, oder? Es gibt immer noch zu viel "blabla". Eine Auswahl zu treffen bei der steigenden Menge an Informationen wird immer schwieriger. Die Möglichkeiten des Internets zum Beispiel sollten ja eigentlich Wissen bündeln können. Stattdessen wird alles aber immer nur noch mehr verstreut und man braucht Jahre, um sich durch alles Geschriebene zu einem Thema überhaupt durchzuwurschteln.
Wo stehen wir denn jetzt mit Bremsspur 5? Ist das die Frage? Klar. "Konzept" hat damals einiges aufgezeigt, was bis dahin verborgen war oder sichtbar gemacht oder radikal sichtbar gemacht. Das kann man heute sagen. Das gilt auch für mein Empfinden. So eine Geste, wie ich das mal bezeichnen will, markiert einen extremen Punkt in einer Entwicklung. Das ist ja unsere Entwicklung, die sich durch unterschiedliche Faktoren ergeben hat. Dieser Entwicklung verdanken wir überhaupt eine Wertschätzung von Künstlerbüchern. Damit ist das Buch als künstlerisches Konzept gemeint. Das Künstlerbuch berichtet nicht mehr über Kunst, sondern wird selbst zum künstlerischen Ausdrucksmittel. "Bremsspur 5 (Ohne Titel, keine Auflage)" ist demnach ein Ende und ein Neuanfang. Ein Weitermachen auf Grundlage neuer Erfahrungen. So etwas in der Art.
Klar ist es ein Neuanfang. Ich glaube aber, dass jedes Werk ein Neuanfang ist. Wie ein Mann, der eines Tages beschließt, seine ganzen Habseligkeiten zu verschenken. Und am Ende steht er mit absolut nichts mehr da, außer mit den Klamotten, die er am Leib trägt. Vielleicht behält er noch seinen Ausweis und seine Kreditkarte, um nicht die lästigen Behördengänge absolvieren zu müssen. Und dann kann er ganz von vorne anfangen. Kann seine Vorstellungskraft benutzen und sehen, was eigentlich in ihm steckt. Klar baut das letzten Endes darauf auf, was er bis dahin erlebt hat. Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo er ganz neu ansetzen kann, wo er neu zu sich finden kann.
Hmm…
Wir müssen uns nur im Klaren darüber sein, dass das Buch kein Bestseller wird.
Ja, leider. Aber deshalb haben wir es ja auch nicht "geschrieben". Andererseits haben wir auch ein Buch geschaffen, mit dem sich ausnahmslos jeder beschäftigen kann, der, wie schon gesagt, dazu bereit ist. Ein Wunder trotzdem, dass noch kein Verlag darauf aufmerksam geworden ist.
Es würden im Falle einer weltweiten Auflage noch nicht mal Kosten für den übersetzer entstehen.
Zu blöd nur, dass es umsonst ist.
Deshalb wird sich auch kein Verlag melden. Obwohl man damit doch trotzdem was verdienen könnte. Man könnte zum Beispiel unser Gespräch abdrucken und es verkaufen. Und stell dir nur mal die Presse für den Verlag oder die Galerie vor, wenn das richtig aufgezogen wird. Der Suhrkamp-Unseld musste Koeppen, wo wir vorhin schon über ihn gesprochen haben, ja auch immer mit durchziehen. Aber weil er Koeppen im Programm hatte, haben die Leute ihm vertraut und auch den Schrott von anderen gekauft.
Aber wir sind nicht Koeppen. Und nicht Bernhard. Und zum Glück nicht Hesse.
Stimmt. Das hatte ich nicht bedacht.
Eine Frage noch zum Abschluss. Wer bringt zuerst eine bedruckte Frühstückstasse bei Karstadt raus: Sigmar Polke oder Gerhard Richter?
Richter, glaube ich. Polke, hoffe ich.
Hier gibt´s das Gespräch auch als PDF zum Runterladen!